Unser Sohn wird Pilot. Trotzphase 1.0

Unser Sohn liebt Flugzeuge. Sofort streckt sich der kleine Finger gen Himmel, sollte dort eins ersichtlich sein. Noch größer ist seine Liebe zum wirbelnden Propeller.

Manchmal ist er selbst einer. Er liebt den Propeller so sehr, dass kein Tag vergeht, in dem er ihn nicht zirkeln lässt. Es passiert zu den ungewöhnlichsten Uhrzeiten, zu den unterschiedlichsten Situationen.

Na Mama, zustimmendes Nicken? Ihr kennt ihn auch. Habt ihn auch schon fliegen sehen. Dieser kleine vor Wut bebende Minikörper, der sich bevorzugt inmitten öffentlicher Augenpaare unaufhörlich wie ein Kreisel am Boden dreht. Hier ist uns die Schlechtwetterfront so willkommen wie beim lang verschobenen Besuch des kinderlosen Ehepaares. Mama ist zurück im Job? Dann kreiselt es meist an solchen Morgen, an denen es besonders schnell gehen muss. Während ich das Leben meines kleinen Flugmannes bisher so gestaltet habe, dass er drohenden Turbulenzen in einem für ihn erträglichem Maße begegnen kann, um selbstbewusst und positiv in diese Welt hinwachsen zu können, sind die neuen Auslöser so kalkulierbar wie Lottozahlen am Mittwoch.

Jakut!

knistert der kleine Frühaufsteher in Mamas Funkgerät. Weil auch ich über die geniale Mama-Begabung verfüge, jeden zusammenhanglosen Brabbel-Laut meines Zweijährigen einem Gegenstand oder einer Tätigkeit zuordnen zu können, schütte ich bei strahlendem Sonnenschein am frühen Morgen das Landliebe Glas Jogurt ins Kinderschälchen. Beeren und Haferflocken? Die Triebwerke des Sprösslings laufen warm, er lächelt. Gute Laune, guter Morgen. Alles scheint ruhig. Ich nehme den Löffel, schalte auf Autopilot.

Es passiert.

Schlechtwetter Front. Blitz und Donner. Tosendes Gebrüll. Plötzlicher Sauerstoffabfall, knallroter Kopf, im Sturzflug vom Stuhl. Volle Wucht auf den Boden. Der Pilot kreiselt im Wutsturm da unten. 

Was ist passiert? Funkspruch SOS an Mama Tower:

Neeeiiinnnnnnn.

Tränen kullern. Mama ist irritiert. Ich mache Njamnjam Geräusche und Strecke einen Löffel Jogurt als Friedensangebot in Bodennähe. Der war doch gerade so begehrt.

Niiiiich.

Kleine Fäuste trommeln auf den Boden. Der Löffel fliegt. Ich schimpfe. Es kreiselt. Ich frage. Der Propeller stoppt. Tränende Kulleraugen blicken mich von unten nach oben an. Ein schluchzender Funkspruch:

Niiech üüen!

Aaaah. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Jogurt umrühren Mama, sag mal gehts noch? Ich hole ein paar Haferflocken und streue sie oben auf den Jogurt. Die düstere Wolke weicht. Der Pilot klettert zurück ins Cockpit. Er strahlt und mampft.

Alles wieder gut. Ich gebe Entwarnung. Roger. Roger. Ich schnalle mich trotzdem an. Gleich gehen wir Zähne putzen…

Trotzphase

 

 

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3 Kommentare zu „Unser Sohn wird Pilot. Trotzphase 1.0

  1. Ich bin nach so einem Anfall gar nicht in der Lage, einen Beitrag darüber so voller positiver Ironie zu verfassen 😀 Glückwunsch dazu, dass du das kannst! Oder war zwischen der Situation und dem Blogeintrag eine Karenzzeit von fünf Wochen? 😀

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