Zeit der Entscheidungen

Entscheidungen sind wichtig. Gibt es im Leben oftmals grau, ändert sich das mit der Geburt eines Kindes drastisch. Jetzt gibt es nur noch schwarz und weiß. Mit der Entscheidung, den Kinderwunsch zuzulassen war ich überzeugt, den wichtigsten Entschluss gefasst zu haben. Nichtsahnend, dass ein kleines Bündel mit 3260g mein Leben zu einem einzigen Tanz der Entscheidungen verändern würde. Da man als Mama mit der Geburt ein Hormon verabreicht bekommt, dass dem Umfeld ermöglicht, durch Blicke und Weisheiten fortan immer ein schlechtes Gewissen zu verabreichen, sind diese Entscheidungen nun unser täglicher Kampf geworden.

Nichts ist mehr Geschmacksache.

Alles muss wohl überlegt sein. Alles ist eine Art Religion, zur Glaubenseinstellung geworden. Keine Entscheidung betrifft nur noch einen selbst. Es hängt immer ein kleiner Mensch dran. Wer hat sich jemals gefragt, ob er seinen Café Latte im Starbucks besser koffeinfrei bestellen soll? Ja richtig, ich spreche über diesen Pappbecher, der gefühlt zu 98% mit Milchschaum und einem Schuss Espresso gefüllt ist. Koffeinfrei bei einem Schluck Kaffee im Becher? Ist doch egal.

Nicht als Mama.

Denn hier geht es nicht mehr nur um Kaffee. Es geht um die Frage, ob man sein Kind bewusst gesundheitlichen Risiken aussetzen möchte, weil man es über das Stillen mit Koffein vollpumpt. Jeder Arzt und jede Eltern-Zeitschrift versichert zwar, dass 2 Tassen täglich völlig unbedenklich sind, doch ist da nicht die kurze Nachfrage der netten Freundin, mit der wir uns treffen, ein flüchtiges „trinkst du den Kaffee immer mit Koffein obwohl du stillst?“, dass uns selbst hierbei mies fühlen lässt. Nicht mal der Morgenkaffee schmeckt also noch vorwurfsfrei. Alles was man sagt, kann nur noch falsch sein, alles ist eine politische Entscheidung. Möchte man mit Einweg Windeln zur Übermüllung unseres Planeten beitragen oder voll urinierte Stoffwindeln zu Hause in Ammoniak Eimern sammeln? Zum Stillen aufwecken oder warten bis das Baby schreit? Flourid Tabletten verabreichen oder nicht? Impfen oder nicht impfen?

Und die wichtigste und kritischste aller Elternfragen:

Wo schläft der Kleine denn?

Schluck. Bei uns im Bett. In der Mitte. Nicht in seinem Zimmer, nicht mal in seinem eigenen Bett. In die schöne Wiege mag er einfach nicht liegen. Wir haben es so oft probiert. Kam mir vor der Geburt nie in den Sinn, dass er zwischen uns liegen könnte. Viel zu gefährlich. Und was wenn er dann nicht mehr alleine schlafen mag? Aber die Kinder entscheiden nun mal selbst was sie mögen und was nicht. Und so lässt er sich nur mit uns beiden in der Nähe in den Schlaf bringen. Sicher, wir hätten auch alle beide ins Babyzimmer ziehen können, dann könnten wir zumindest sagen, dass er im eigenen Bett liegt. Tun wir aber nicht. Wir bleiben bei der Wahrheit und überhören Sätze wie „Wundert euch nicht, wenn er sich daran gewöhnt.“ „Das ist gefährlich“. „Er wird nie mehr alleine schlafen“. „Die Kindesentwicklung verlangsamt sich, wenn man das Kind zu sehr an sich bindet“.

Er darf weiter zwischen uns liegen. Ein bisschen schlecht fühle ich mich aber dennoch jedesmal.

Mein kleiner Mann schreit.

„Warum gibst du ihm keinen Schnulli“ fragen mich alle. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, bisher hatte ich nicht das Gefühl, dass er einen braucht. Als er sich aber eines Tages einfach nicht beruhigen lässt, denke ich daran und probiere es aus. Erst skeptisch, dann genüsslich nuckelt er am Sauger und schläft ein. Der Schnulli plumpst neben ihm auf die Matratze. Alles gut denke ich und freue mich. Bei der Ärztin sage ich, dass ihm der Schnulli oft aus dem Mund fällt. Ganz normal für das Alter sagt sie, wir lachen.

Ich muss zur Post.

Der Schnulli plumpst raus. Die Schalterbeamtin lächelt freundlich und spricht mit unserem Baby. „Du willst ja gar keinen Schnuller haben, nicht wahr kleiner Mann?“ Mein 8wöchiger Junior weint, weil er seinen Schnuller verloren hat. Ich stecke ihn zurück in den Mund. Vor lauter Aufgeregtheit verliert er ihn erneut und weint. „Ja die Babys wissen schon ganz genau, was sie nicht wollen“ flötet die Postlerin, das macht dann 1,45€.“ Das kostenlose Girokonto lehne ich ab, das gratis miese Gefühl nehme ich mit.

So geht das nicht, was passiert da nur die ganze Zeit? Warum verlasse ich mich nicht einfach auf mein Gefühl, so wie bisher im Leben auch? Alle Entscheidungen müssen doch vorerst nur von uns beiden Eltern getroffen werden. In Absprache mit niemandem. Und wir entscheiden auch, wessen Rat uns interessiert und welcher einfach nicht. Zeit, manches zu ignorieren.

„Wo schläft der Kleine denn nun?“ werde ich wieder gefragt.

Ich habe eine Idee.

„In seinem Bettchen natürlich.“ 

Ich höre förmlich, wie der Wind aus den Segeln flieht. Sofort ist Ruhe auf der Gegenseite. Keine Chance für wertvolle Tipps. Der offene Mund schließt sich zögerlich und ein freundliches Nicken bekräftigt meine Aussage.

Ich grinse in mich hinein und freue mich jetzt schon auf heute Abend.

Müde werde ich in mein Bett fallen und überglücklich sein, wenn ich das kleine Schnarchen neben mir höre und mein Mann bei schlechten Träumen das kleine Händchen hält, bis er wieder friedlich weiterschlummert.

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3 Gedanken zu “Zeit der Entscheidungen

  1. Steffi schreibt:

    Die besten Eltern sind doch die, die mit sich und ihren Entscheidungen zufrieden sind. Also hört auf euch selbst und lasst die anderen Ratschläge erteilen. Die besten haben eh immer die ohne Kinder 😉
    Außerdem erzählt jeder etwas anderes und man bekommt den Kopf nie frei.
    Durch das ständige Rechtfertigen wird man nur gestresst und unglücklich und das kann nur schädlicher sein als eine einzelne „falsche“ Entscheidung.
    Ich finde es erschreckend welcher Druck auf Eltern mittlerweile lastet und erlebe immer wieder, dass es die am leichtesten haben, die in der Lage sind auch mal auf „Durchzug“ zu stellen 😉

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